Apotheose: Die Vergöttlichung des Kaisers

Apotheose: Die Vergöttlichung des Kaisers
Apotheose: Die Vergöttlichung des Kaisers
 
Mit seinem Sieg im Bürgerkrieg 45 v. Chr. war Caesar faktisch der Alleinherrscher in Rom. Der Senat bedachte ihn mit beispiellosen Vollmachten und unerhörten göttlichen Ehrungen: Unter anderem erhielt er ein Standbild im Quirinus-(Romulus-)Tempel, und seine Statue wurde im feierlichen Zug der Pompa circensis mit den anderen Götterbildern mitgeführt. Die eigentlichen Vergöttlichungsbeschlüsse konnten wegen seines gewaltsamen Todes nicht mehr rechtzeitig durchgeführt werden. Als sich bei den Spielen, die Octavian, der spätere Kaiser Augustus, zu Ehren seines Adoptivvaters im Juli 44 veranstaltete, ein Komet zeigte, galt dies beim Volk als Beweis für die Vergöttlichung Caesars; zwei Jahre später wurde Caesar als Divus Iulius mit eigenem Flamen unter die römischen Staatsgötter aufgenommen und erhielt 29 v. Chr. einen Tempel auf dem Forum.
 
Hinter diesen außerordentlichen Auszeichnungen stehen zwei Traditionen: Römischen Statthaltern sowie Feldherrn und vor allem der Stadt Roma wurde schon seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. in den östlichen Provinzen für ihre Verdienste - den göttlichen Funktionen des Helfens und Rettens - von den Provinzialen (freiwillig) gehuldigt. Diese Ehren waren vor allem eine politische Loyalitätsbekundung. Daneben gab es den institutionalisierten Kult des Gottkönigs, wie er von den Ptolemäern ausgebildet worden war: Der Herrscher trug den in Rom verpönten Titel »König« und wurde bereits zu Lebzeiten zum Gott erhoben. Es ist strittig, welche Haltung Caesar zu der geplanten Vergöttlichung seiner Person einnahm und ob er sie in den Dienst seiner politischen Ziele, beispielsweise im Zusammenhang mit der Einführung des Königtums, zu stellen gedachte.
 
In Rom und Italien lehnte Augustus eine offizielle Verehrung als Gott ab, gestattete sie allerdings - jedoch nur in Verbindung mit dem Roma-Kult - in den östlichen Provinzen. Dennoch akzeptierte er auch in der Hauptstadt göttergleiche Ehrungen: So wurde seit seinem Sieg über Mark Anton und Kleopatra 30 v. Chr. sein Geburtstag mit Opfern gefeiert; drei Jahre später erhielt er den sakralen Beinamen »Augustus«, »der Erhabene«, und seit etwa 12 v. Chr. verehrte man - im Rückgriff auf den altrömischen Kult des Genius des Pater familias - den Genius des Augustus gemeinsam mit den Laren der einzelnen Stadtbezirke, die nun zu den Laren des Augustus erklärt wurden. Der Genius des Augustus fand Aufnahme in die Eidesformel.
 
Tiberius weihte dem Numen des noch lebenden Kaisers einen Altar: Damit war in Rom ein Herrscher, zumindest als Amtsträger, zum ersten Mal als göttliche Macht eingestuft.
 
Nach ihrem Tod wurden Augustus, dann Claudius, Vespasian und Titus - und nach diesem alle Kaiser, die nicht offiziell aus dem Gedächtnis gestrichen wurden (Damnatio memoriae), als Divi konsekriert, das heißt in einem förmlichen, sakralrechtlich gültigen Akt unter die Götter versetzt.
 
Anders verlief die Entwicklung in den Provinzen: Hier wurden die Kaiser auf sehr unterschiedliche Weise bereits zu Lebzeiten als Götter verehrt. Der Kult, staatlich gewollt, diente weniger religiösen als politischen Zwecken: der Romanisierung und Zivilisierung der Provinzen und der Festigung ihrer Verbundenheit mit dem Kaiser und Rom.
 
Eine Vergöttlichung zu Lebzeiten beanspruchte zwar schon der Kaiser Domitian Ende des 1. Jahrhunderts, aber üblich wurde sie erst seit Aurelian im späten 3. Jahrhundert.
 
Im 3. Jahrhundert wurde unter östlichem und afrikanischem Einfluss das Hofzeremoniell prunkvoll ausgestattet. Der Princeps, der Kaiser, wurde nicht mehr, wie zuvor üblich, mit einem schlichten »Du« angeredet, sondern mit pompösen Titeln bedacht. Da er sich jetzt auch in der Kleidung von allen anderen Menschen unterschied, vergrößerte sich zwangsläufig der Abstand zu seiner Person. Der Kaiser wurde nun auch mit einem bestimmten Gott gleichgesetzt oder unmittelbar verknüpft: Diokletian zum Beispiel mit Jupiter.
 
Auch die späteren christlichen Kaiser wurden - in veränderter Form - vom heidnischen Senat konsekriert. Der letzte römische Kaiser, dem diese Ehre wahrscheinlich noch offiziell erwiesen wurde, war Julian Apostata, der sich unter neuplatonischem Einfluss 351/352 wieder vom Christentum abgewandt hatte. Seine Vergöttlichung war das Symbol des römisch-heidnischen Widerstandes gegen den politischen Machtanspruch der christlichen Kirche.
 
Dr. Ursula Blank-Sangmeister
 
 
Giebel, Marion: Das Geheimnis der Mysterien. Antike Kulte in Griechenland, Rom und Ägypten. Taschenbuchausgabe München 1993.
 Simon, Erika: Die Götter der Römer. München 1990.

Universal-Lexikon. 2012.

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